Kurz gesagt
- Die Einteilung beschreibt vor allem den Transportweg: Fettlösliche Vitamine (A, D, E, K) gelangen über Mizellen und Chylomikronen in die Lymphe, wasserlösliche über spezifische Transportproteine in die Pfortader.
- Nahrungsfett erhöht die Aufnahme fettlöslicher Vitamine messbar. Eine belegte Mindestfettmenge gibt es jedoch nicht, und eine bessere Absorption bedeutet nicht automatisch einen besseren Versorgungsstatus.
- Die Faustregel, wasserlösliche Vitamine könne man nicht überdosieren, ist nicht haltbar. Für Vitamin B6 (12 mg/Tag) und Nicotinsäure (10 mg/Tag) bestehen niedrige Obergrenzen mit dokumentierten Schadwirkungen.
- Fettlöslich bedeutet nicht automatisch stark gespeichert: Vitamin K hat einen sehr kleinen Körperpool und einen schnellen Umsatz, während das wasserlösliche Vitamin B12 rechnerisch über Jahre reicht.
- Praktisch belastbar sind wenige Hinweise: fettlösliche Vitamine zu einer fetthaltigen Mahlzeit, Folsäure nüchtern etwas besser verfügbar, hohe Einzeldosen Vitamin C nur unvollständig absorbiert.
Was unterscheidet fettlösliche von wasserlöslichen Vitaminen?
Der Unterschied liegt in der Löslichkeit und damit im Weg, den ein Vitamin vom Darm in den Körper nimmt. Fettlösliche Vitamine benötigen Gallensäuren, Nahrungsfett und den Umweg über das Lymphsystem; wasserlösliche Vitamine werden über spezialisierte Transportproteine aufgenommen und gelangen direkt über die Pfortader zur Leber. Aus diesem Transportunterschied folgen die weiteren Unterschiede in Speicherung, Ausscheidung und Überdosierungsrisiko – allerdings weniger einheitlich, als die Lehrbucheinteilung nahelegt.
Als fettlöslich gelten vier Vitamine: A (Retinol, Retinylester und die Provitamin-A-Carotinoide), D (D2 und D3 sowie Calcidiol-Monohydrat), E (nach EFSA ausschließlich α-Tocopherol) und K (Phyllochinon K1 und die Menachinone K2/MK-n). Wasserlöslich sind neun Vitamine: Vitamin C sowie B1 (Thiamin), B2 (Riboflavin), Niacin, B6, Folat, B12, Biotin und Pantothensäure.
Wo die Einteilung an ihre Grenzen stößt
Die Zweiteilung ist eine Ordnungshilfe, keine biologische Gesetzmäßigkeit. Vitamin B12 ist wasserlöslich, wird aber wie ein fettlösliches Vitamin über Jahre gespeichert. Vitamin K ist fettlöslich, hat aber einen auffällig kleinen Körperpool und einen schnellen Umsatz. Vitamin D ist streng genommen ein Prohormon, das der Körper unter UVB-Einstrahlung selbst bilden kann – die Kategorie „fettlöslich“ beschreibt hier nur den Transportweg, nicht die Versorgungslogik. Auch Niacin ist teilweise endogen verfügbar: Der Körper bildet es aus Tryptophan im Verhältnis 60 zu 1.
Hinzu kommen Unterschiede innerhalb einer Gruppe. Die EFSA hat den Vitamin-E-Begriff 2015 auf α-Tocopherol verengt; nur die 2R-Stereoisomere decken den Bedarf. Bei Vitamin K unterscheiden sich K1 und MK-7 erheblich: MK-7 hat eine sehr viel längere Halbwertszeit und akkumuliert bei Dauerzufuhr auf das Sieben- bis Achtfache des Serumspiegels. Und β-Carotin ist kein Vitamin A, sondern ein Provitamin, für das die EFSA 2024 keine Obergrenze ableiten konnte.
Wie gelangen die beiden Gruppen in den Körper?
Fettlösliche Vitamine werden im Duodenum und Jejunum in Mizellen eingebettet, in die Darmzelle aufgenommen, dort in Chylomikronen verpackt und über die Lymphe in den Kreislauf abgegeben. Wasserlösliche Vitamine überqueren die Darmwand über spezifische, meist natrium- oder protonengekoppelte Transporter und werden über die Pfortader zur Leber transportiert. Der Weg über die Lymphe erklärt, warum fettlösliche Vitamine langsamer und störanfälliger im Blut ankommen.
Fettlösliche Vitamine nehmen den Umweg über Lymphe und Chylomikronen, wasserlösliche gehen direkt über die Pfortader.
- Fettlöslich (A, D, E, K)
- Wasserlöslich (B-Vitamine, C)
Fettlösliche Vitamine: breit spezifische Cholesterintransporter
Die verbreitete Darstellung, fettlösliche Vitamine würden rein passiv durch die Zellmembran diffundieren, ist überholt. Der aktuelle Übersichtsstand hält fest, dass Vitamin D, E und K sowie Carotinoide nicht ausschließlich passiv aufgenommen werden, sondern breit spezifische Membrantransporter wie SR-BI, CD36, NPC1L1 oder ABCA1 beteiligt sind. Für Cholecalciferol ist das direkt belegt: Die Aufnahme ist konzentrations-, temperatur- und richtungsabhängig, und in Mäusen mit SR-BI-Überexpression lag sie um 60 % höher.
Zwei Punkte daraus werden selten erwähnt. Erstens sind diese Transporter nicht vitaminspezifisch, sondern primär Cholesterintransporter – daraus folgt eine Konkurrenz zwischen fettlöslichen Mikronährstoffen und eine mögliche Arzneimittelinteraktion, etwa mit dem NPC1L1-Hemmer Ezetimib. Zweitens ist ausgerechnet für Vitamin A bis heute kein Membrantransporter identifiziert; die Aussage, Retinol werde über einen bekannten Transporter aufgenommen, ist nicht belegt. Wie stark ein Nährstoff am Ende tatsächlich verfügbar wird, ist eine eigene Frage – die Grundbegriffe dazu erklärt der Beitrag zur Bioverfügbarkeit von Vitaminen und Mineralstoffen.
Wasserlösliche Vitamine: ein Transporter je Vitamin
Auf der wasserlöslichen Seite ist die Zuordnung meist genau bekannt: Vitamin C nutzt SVCT1 (SLC23A1) apikal und SVCT2 (SLC23A2) basolateral, beide natriumabhängig; Thiamin THTR-1 und THTR-2; Folat den protonengekoppelten Transporter PCFT (SLC46A1) und RFC (SLC19A1); Biotin und Pantothensäure gemeinsam SMVT (SLC5A6). Für Vitamin B6 und Niacin ist die molekulare Identität des Transporters bislang nicht geklärt – bekannt ist nur, dass die Aufnahme carriervermittelt, natriumunabhängig und bei saurem pH begünstigt ist.
Weil diese Systeme sättigbar sind, sinkt der prozentuale Anteil der Aufnahme bei steigender Dosis. Das ist der entscheidende Unterschied zur Vorstellung, wasserlösliche Vitamine würden beliebig aufgenommen und der Rest einfach ausgeschieden.
| Merkmal | Fettlöslich (A, D, E, K) | Wasserlöslich (B-Vitamine, C) |
|---|---|---|
| Voraussetzung im Darm | Gallensäuren, Nahrungsfett, Mizellenbildung | keine Mizellen nötig |
| Transportproteine | SR-BI, CD36, NPC1L1, ABCA1/G1 – breit spezifisch, nicht vitaminspezifisch; für Vitamin A keiner identifiziert | je Vitamin eigene Systeme (SVCT1/2, THTR-1/2, PCFT, RFC, SMVT); bei B6 und Niacin unbekannt |
| Abtransport | Chylomikronen → Lymphe → Blut | Pfortader → Leber → Blut |
| Typische Absorptionsrate | E ca. 75 %; nicht primärbelegt, aus der Sekundärliteratur: A präformiert 70–90 %, D ca. 80 %, K1 rein ca. 80 %, aus Spinat 4–17 % | Vitamin C 70–90 % bei 30–180 mg/Tag, unter 50 % über 1 g/Tag; B12 ca. 40 % (EFSA-Ansatz) |
| Hauptausscheidungsweg | überwiegend biliär und fäkal | überwiegend renal |
Quellen: EFSA Dietary Reference Values Summary Report 2017; NIH Office of Dietary Supplements; Reboul 2023; Said 2011.
Wie stark beeinflusst Nahrungsfett die Aufnahme?
Der Effekt ist in kontrollierten Humanstudien nachweisbar, aber kleiner und uneinheitlicher als oft dargestellt. In der bislang größten randomisierten Untersuchung lag die Spitzenkonzentration von Vitamin D3 nach einer fetthaltigen Mahlzeit um 32 % höher als nach einer fettfreien. Für Vitamin E, Vitamin K und Carotinoide zeigen kleinere Crossover-Studien in dieselbe Richtung. Für die Größenordnung dieser Effekte sind die Daten dagegen schwach, denn die Stichproben umfassen teils nur fünf bis elf Personen.
| Studie | Design | Ergebnis |
|---|---|---|
| Dawson-Hughes 2015 (Vitamin D) | randomisiert, n = 50, Einzeldosis 50.000 IE D3, drei Mahlzeitgruppen | Spitzenwert nach 12 h um 32 % höher mit Fett (95-%-KI 11–52 %; p = 0,003); Fettsäuremuster ohne Effekt |
| Dawson-Hughes 2013 (Vitamin D) | n = 62, keine Mahlzeit / fettreich / fettarm, 50.000 IE monatlich | 12-h-Zuwachs 200,9 / 207,4 / 241,1 nmol/l – fettarm signifikant am höchsten (p = 0,038); 25(OH)D nach 30 und 90 Tagen ohne Gruppenunterschied |
| Jeanes 2004 (Vitamin E) | randomisiertes 4-Wege-Crossover, n = 8, 150 mg α-Tocopherylacetat | höhere Konzentration bei 17,5 g Fett gegenüber 2,7 g Fett oder Wasser (p < 0,001); auch die Lebensmittelmatrix wirkt |
| Unlu 2005 (Carotinoide) | 2 Crossover-Studien, je n = 11, Zugabe von Avocado | AUC in der TRL-Fraktion: Lycopin 4,4-fach, β-Carotin 2,6-fach (Salsa); α-Carotin 7,2-fach, β-Carotin 15,3-fach, Lutein 5,1-fach (Salat); 12 g und 24 g Lipid gleichwertig |
| Gijsbers 1996 (Vitamin K) | n = 5, je 1 mg Phyllochinon nüchtern | Spiegel nach Spinat mit Butter 7,5-fach, ohne Fett 24,3-fach niedriger als nach dem Präparat |
Alle Werte aus den jeweils zitierten Originalarbeiten; Stichprobengrößen beachten.
Gibt es eine Mindestmenge an Fett?
Nein. Weder die EFSA noch das NIH Office of Dietary Supplements nennen eine Schwellendosis, und die Humandaten sind uneinheitlich: Jeanes fand einen Unterschied zwischen 2,7 g und 17,5 g Fett, Dawson-Hughes 2015 zwischen 0 g und rund 30 Energieprozent Fett, Unlu keinen Unterschied zwischen 12 g und 24 g Lipid. Verbreitete Angaben wie „mindestens 10 g Fett“ oder „mindestens 15 g Fett“ sind in der Primärliteratur nicht auffindbar. Hierfür gibt es bislang keine belastbaren Belege.
Bedeutet bessere Absorption auch besseren Status?
Nicht zwangsläufig – und dieser Punkt wird in der Ratgeberliteratur meist unterschlagen. In der Studie von Dawson-Hughes 2013 unterschied sich die Absorption von Vitamin D3 zwischen den Mahlzeitbedingungen signifikant, der klinisch relevante Statusmarker 25(OH)D nach 30 und 90 Tagen jedoch nicht. Bemerkenswert ist zusätzlich, dass dort die fettarme Mahlzeit die höchste Absorption ergab. Die einfache Erzählung „mehr Fett gleich bessere Aufnahme“ ist damit nicht gedeckt. Wie wir solche Widersprüche gewichten, ist in unserer Methodik beschrieben.
Wie lange reichen die Speicher?
Die Speicherdauer folgt nicht der Löslichkeit. Vitamin A und Vitamin B12 halten Monate bis Jahre, Vitamin D wird über eine Halbwertszeit von 13 bis 15 Tagen abgebaut, und Vitamin K – obwohl fettlöslich – ist nach wenigen Tagen ohne Zufuhr deutlich vermindert. Die folgenden Zeitangaben stammen aus unterschiedlichen Messgrößen (Halbwertszeiten, Depletionsstudien, Modellrechnungen) und sind deshalb nicht direkt gegeneinander aufrechenbar.
Die Speicherdauer folgt nicht der Löslichkeit: Vitamin K ist nach Tagen deutlich vermindert, Vitamin B12 reicht rechnerisch Jahre.
| Vitamin | Zeitangabe | Grundlage | Belegqualität |
|---|---|---|---|
| A | Halbwertszeit rechnerisch ca. 99–139 Tage (eigene Berechnung); minimal akzeptable Leberreserve 20 µg/g | IOM 2001; Katabolierate 0,5–0,7 %/Tag (EFSA); Halbwertszeitspanne daraus eigene Berechnung | Modellannahme; EFSA vermerkt 2024 eine „paucity of available data“ |
| D | Halbwertszeit 25(OH)D 13–15 Tage; 1,25(OH)₂D Stunden | EFSA 2017; NIH ODS | gut |
| E | Plasma-Halbwertszeit RRR-α-Tocopherol ca. 48 h; neuer Steady State im Fettgewebe erst nach ≥ 2 Jahren | IOM 2000; Handelman 1994 | kleine Stichprobe, aber einzige Langzeitkinetik |
| K | Leber-Phyllochinon fällt binnen 3 Tagen von 28,0 auf 6,8 pmol/g; Plasma nach 13 Tagen auf 13–18 %; symptomatischer Mangel erst nach über 2–3 Wochen | Usui 1990 (n = 22); Ferland 1993 (n = 32); EFSA 2017 | gute kontrollierte Depletionsdaten |
| B12 | Speicher 1–5 mg, Verlust 0,1–0,2 %/Tag; rechnerisch 3 Jahre (1 mg) bis 6 Jahre (3 mg) | NIH ODS; IOM 1998 | Modellrechnung; klinisch 2–5 Jahre bis zur megaloblastären Anämie nach Gastrektomie |
| Folat | Körperbestand 15–30 mg; Serumfolat sinkt in 1–3 Wochen, danach Wochen bis Monate ohne weitere Zeichen | NIH ODS; IOM 1998 | gut |
| C | Körperpool 300 mg (Skorbutbereich) bis ca. 2 g; 1,0–1,5 g bei 60–100 mg/Tag | NIH ODS; EFSA | gut |
Zeitangaben unterschiedlicher Art (Halbwertszeiten, Depletionsversuche, Modellrechnungen); nicht als Haltbarkeitsdauer zu lesen.
Vitamin D: Fettdepot ja, funktionierende Reserve unklar
Dass 25(OH)D und Cholecalciferol in Fettgewebe, Muskel und Leber eingelagert werden, ist belegt. In einer norwegischen Untersuchung an 29 Personen lag der Vitamin-D3-Gehalt im Unterhautfettgewebe nach drei bis fünf Jahren Supplementierung bei median 209 ng/g gegenüber 32 ng/g unter Placebo, hochgerechnet ein Körperspeicher von rund 6,6 mg. Ob dieses Depot funktionell abrufbar ist, ist damit nicht gezeigt; die Autoren selbst schreiben, die klinische Bedeutung müsse erst bestimmt werden. Eine andere Arbeitsgruppe kommt sogar zu dem Schluss, der Gesamtbestand entspreche bei einem Umsatz von etwa 2.000 IE/Tag nur einer Reserve von rund sieben Tagen. Die Datenlage ist uneinheitlich – die lange Latenz eines Vitamin-D-Abfalls erklärt sich sicherer über die Halbwertszeit von 25(OH)D als über ein großzügiges Fettdepot.
Vitamin K: fettlöslich, aber kaum gespeichert
Vitamin K widerlegt die Annahme, fettlöslich hieße automatisch stark angereichert. Die EFSA hält einen Gesamtkörperpool von etwa 0,55 µg pro Kilogramm Körpergewicht für wünschenswert – bei 70 kg sind das rechnerisch rund 39 µg, während der Schätzwert der Zufuhr bei 70 µg pro Tag liegt (eigene Berechnung aus den EFSA-Angaben). Der Tagesbedarf übersteigt also den gesamten Körperbestand. Entsprechend fiel in Leberbiopsien chirurgischer Patienten der Phyllochinongehalt nach nur drei Tagen phyllochinonarmer Kost von 28,0 auf 6,8 pmol/g.
Kann man wasserlösliche Vitamine überdosieren?
Ja. Die Faustregel, überschüssige wasserlösliche Vitamine würden einfach mit dem Urin ausgeschieden, ist in dieser Pauschalität falsch. Zwei Beispiele widerlegen sie eindeutig: Für Vitamin B6 hat die EFSA 2023 eine tolerierbare Höchstaufnahme (UL) von 12 mg pro Tag abgeleitet, kritischer Endpunkt ist die periphere Neuropathie. Für Nicotinsäure liegt die Obergrenze bei 10 mg pro Tag. Beides sind sehr niedrige Werte, die mit hochdosierten Präparaten überschritten werden können.
| Vitamin | UL für Erwachsene | Kritischer Endpunkt |
|---|---|---|
| A (präformiert) | 3.000 µg RE/Tag | Teratogenität |
| β-Carotin | kein UL | Daten für Dosis-Wirkungs-Beziehung nicht ausreichend |
| D | 100 µg VDE/Tag | persistierende Hyperkalziurie |
| E (α-Tocopherol) | 300 mg/Tag | Gerinnungshemmung, Blutungsrisiko |
| K | kein UL | keine ausreichenden Daten |
| C | kein UL (EFSA); US-IOM: 2.000 mg/Tag | keine ausreichenden Daten für einen EU-Wert |
| B6 | 12 mg/Tag | periphere Neuropathie |
| Niacin – Nicotinsäure | 10 mg/Tag | Flushing |
| Niacin – Nicotinamid | 900 mg/Tag | — |
| Folat/Folsäure | 1.000 µg/Tag (nur zugesetzte Formen) | Verschleierung neurologischer Symptome bei Cobalamin-Mangel |
| B12 | kein UL – „no defined adverse effects“ | — |
| B1, B2, Biotin, Pantothensäure | kein UL | — |
EFSA, Overview on Tolerable Upper Intake Levels, Version 11, August 2025, Tabelle 3.
Vitamin B6: dokumentierte Nervenschädigung
Die EFSA bezeichnet den Zusammenhang zwischen überhöhter B6-Zufuhr und peripherer Neuropathie als gut belegt. Grundlage ist unter anderem eine Fallserie von 1983 mit sieben Erwachsenen, die nach hochdosierter Pyridoxinzufuhr Ataxie und eine schwere sensible Nervenschädigung entwickelten; vier waren schwer behindert, alle besserten sich nach Absetzen. Als mechanistische Hypothese – geprüft bislang nur in Zellversuchen – gilt, dass ausgerechnet Pyridoxin, die inaktive Supplementform, die aktive Form Pyridoxal-5-Phosphat kompetitiv hemmt; die Symptome einer Überversorgung ähneln deshalb denen eines Mangels. Das BfR empfiehlt seit Februar 2024 – im Anschluss an die EFSA-Neubewertung von 2023 – eine Höchstmenge von 0,9 mg B6 pro Tagesverzehrempfehlung eines Nahrungsergänzungsmittels, zuvor waren es 3,5 mg.
Nicotinsäure: Obergrenze unter dem Kennzeichnungswert
Der auffälligste Fall betrifft Niacin. Die beiden Formen unterscheiden sich um den Faktor 90: Für Nicotinamid gilt ein UL von 900 mg pro Tag, für Nicotinsäure von 10 mg pro Tag, kritischer Endpunkt ist das Flushing. Der Nährwertkennzeichnungsreferenzwert (NRV) für Niacin nach Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 beträgt jedoch 16 mg. Ein Produkt, das 100 % des NRV in Form von Nicotinsäure liefert, überschreitet die Obergrenze damit um 60 %. Das BfR empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel maximal 4,0 mg Nicotinsäure, für Nicotinamid dagegen 160 mg.
Bei Nicotinsäure liegt der Kennzeichnungsreferenzwert um 60 Prozent über der tolerierbaren Obergrenze.
Auf dem Etikett steht in beiden Fällen nur „Niacin“ mit Prozentangabe des NRV; welche Form tatsächlich enthalten ist, geht erst aus der Zutatenliste hervor und lässt sich analytisch prüfen – wie solche Untersuchungen ablaufen, beschreibt der Beitrag zur Laboranalyse von Nahrungsergänzungsmitteln. Was ein UL grundsätzlich von einem Referenzwert wie dem NRV unterscheidet, ist in der Übersicht zu EFSA, DGE, NRV und UL erläutert.
Weitere Grenzen bei wasserlöslichen Vitaminen
Der UL für Folsäure von 1.000 µg pro Tag existiert ausdrücklich, weil hohe Dosen neurologische Symptome eines Cobalamin-Mangels verschleiern oder verschlimmern können. Für Biotin gibt es keinen UL, das BfR empfiehlt aber einen Hinweis, weil hochdosiertes Biotin Immunoassays im Labor stört – „kein UL“ bedeutet also nicht „folgenlos“. Für Vitamin C sieht die EFSA keine ausreichende Datengrundlage für einen UL; das US-amerikanische IOM setzt 2.000 mg pro Tag an, und die Referenzstudie von Levine fand bei 1.000 mg pro Tag eine erhöhte Oxalat- und Uratausscheidung. Für Riboflavin, B1, B12 und Pantothensäure ist die Aussage „praktisch keine bekannte Toxizität“ dagegen tatsächlich durch EFSA und SCF gedeckt.
Warum ist Vitamin B12 ein Sonderfall?
Vitamin B12 ist wasserlöslich, verhält sich aber in drei Punkten grundlegend anders als die übrigen Vitamine dieser Gruppe: Es wird in Milligrammmengen gespeichert, seine Aufnahme ist bei sehr niedrigen Dosen bereits gesättigt, und es unterliegt einem enterohepatischen Kreislauf. Diese Kombination erklärt sowohl die jahrelange Latenz bis zum Mangel als auch die sehr hohen Dosierungen üblicher Präparate.
Speicherung: Der Körper hält 1 bis 5 mg vor, die meisten Schätzungen liegen bei 2 bis 3 mg – das Tausend- bis Zweitausendfache der täglichen Zufuhr. Der Verlust beträgt nur 0,1 bis 0,2 % des Pools pro Tag und ist von der Speichergröße unabhängig. Die IOM-Modellrechnung ergibt daraus bei intaktem enterohepatischem Kreislauf und vollständig fehlender Aufnahme etwa drei Jahre bei 1 mg, fünf Jahre bei 2 mg und sechs Jahre bei 3 mg Speicher. Klinisch wurde eine megaloblastäre Anämie typischerweise zwei bis fünf Jahre nach vollständiger Magenentfernung diagnostiziert.
Sättigung durch Intrinsic Factor: B12 wird aus Nahrungsproteinen freigesetzt, an Intrinsic Factor gebunden und im terminalen Ileum rezeptorvermittelt aufgenommen. Die Kapazität dieses Weges ist bereits bei 1 bis 2 µg erschöpft. Oberhalb davon bleibt nur ein passiver Weg mit sehr geringer Ausbeute: rund 2 % bei 500 µg und 1,3 % bei 1.000 µg. Deshalb wirken hohe orale Dosen auch bei fehlendem Intrinsic Factor – effizient ist das aber nicht, und ein Aufteilen sehr hoher Dosen bringt wenig, weil der sättigbare Weg ohnehin ausgeschöpft ist.
Enterohepatischer Kreislauf: B12 wird täglich über die Galle abgegeben und größtenteils rückresorbiert. Bei einer Malabsorption fällt dieser Kreislauf mit aus – der Mangel entwickelt sich dann deutlich schneller als bei bloßem Zufuhrmangel. Das erklärt, warum sich die Latenz bei rein pflanzlicher Ernährung und bei perniziöser Anämie unterscheidet. Der DGE-Schätzwert für Erwachsene liegt bei 4,0 µg pro Tag.
Was folgt daraus für die Einnahme?
Belastbar sind weniger Empfehlungen, als üblicherweise ausgesprochen werden. Gut belegt ist die Richtung, dass fettlösliche Vitamine und Carotinoide zu einer fetthaltigen Mahlzeit besser aufgenommen werden. Nicht belegt sind eine konkrete Fettmenge, eine optimale Tageszeit und der generelle Nutzen einer Nüchterneinnahme wasserlöslicher Vitamine.
| Hinweis | Grundlage | Evidenzstärke |
|---|---|---|
| Fettlösliche Vitamine und Carotinoide zu einer fetthaltigen Mahlzeit | Dawson-Hughes 2015; Jeanes 2004; Unlu 2005; Gijsbers 1996 | gut für die Richtung, schwach für jede Zahlenangabe |
| Eine Mindestfettmenge lässt sich nicht angeben | uneinheitliche Studienlage; EFSA und NIH ODS nennen keine Schwelle | Datenlage dünn, Frage offen |
| Bessere Absorption ist nicht gleich besserer Status | Dawson-Hughes 2013: kein Unterschied im 25(OH)D nach 30 und 90 Tagen | gut belegt |
| Folsäure nüchtern etwas besser verfügbar | EFSA-DFE-Definition: 1 µg DFE = 0,6 µg Folsäure zur Mahlzeit = 0,5 µg nüchtern | gut, regulatorisch verankert |
| Sehr hohe Vitamin-C-Einzeldosen sind wenig sinnvoll | Levine 1996: vollständige Bioverfügbarkeit bei 200 mg, Abfall ab 500 mg; NIH ODS: über 1 g/Tag unter 50 % | Absorptionsdaten gut; „aufteilen“ ist eine plausible Ableitung, kein geprüfter Endpunkt |
| Riboflavin: Einzeldosen über ca. 27 mg sind kaum verwertbar (Schwellenwert nicht primärbelegt, Angabe aus der Sekundärliteratur) | Zempleni 1996, zitiert in IOM 1998 | mittel, eine Primärstudie |
| Vitamin D zur größten Mahlzeit | Mulligan & Licata 2010, n = 17, Kohorte ohne Kontrollgruppe | schwach, als Hypothese zu behandeln |
| Optimale Tageszeit | — | keine belastbaren Daten |
Evidenzeinstufung nach Studiendesign und Stichprobengröße der jeweils zugrunde liegenden Arbeiten.
Vitamin K und Gerinnungshemmer
Ein häufiger Irrtum betrifft Vitamin K unter Antikoagulation. Die verbreitete Anweisung, Vitamin K sei strikt zu meiden, entspricht nicht dem Stand der Fachinformationen: Entscheidend ist eine gleichmäßige Zufuhr, weil plötzliche Änderungen die Gerinnungshemmung verstärken oder abschwächen. In einer doppelblind randomisierten Studie an 70 Patienten mit instabiler Einstellung stabilisierten 150 µg Vitamin K täglich die INR-Werte messbar (Abnahme der INR-Standardabweichung −0,24 gegenüber −0,11; p < 0,001). Für MK-7 gilt das nicht analog: Wegen der langen Halbwertszeit können bereits 50 µg pro Tag klinisch relevant in eine orale Antikoagulation eingreifen. Das BfR empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel 80 µg K1 beziehungsweise 25 µg K2 pro Tagesverzehrempfehlung und einen Hinweis auf ärztliche Rücksprache. Umgekehrt schließt die EFSA Antikoagulierte ausdrücklich vom Vitamin-E-UL aus – hier ist Vitamin E das Risiko, nicht Vitamin K.
Fazit
Die Einteilung in fettlöslich und wasserlöslich beschreibt zuverlässig den Aufnahme- und Transportweg: Mizellen, Chylomikronen und Lymphe auf der einen, spezifische Transporter und Pfortader auf der anderen Seite. Für alles Weitere ist sie nur eine grobe Näherung. Sie sagt weder verlässlich etwas über die Speicherdauer aus – Vitamin K wird trotz Fettlöslichkeit kaum gespeichert, Vitamin B12 trotz Wasserlöslichkeit über Jahre – noch über das Risiko einer Überversorgung. Die niedrigsten Obergrenzen unter den wissenschaftlichen Risikobewertungen der EFSA gelten mit 10 mg für Nicotinsäure und 12 mg für Vitamin B6 zwei wasserlöslichen Vitaminen. Praktisch belastbar bleibt vor allem eines: fettlösliche Vitamine zu einer fetthaltigen Mahlzeit, und bei Dosierungen die tatsächlich verwendete Vitaminform beachten.
Häufige Fragen
Muss ich fettlösliche Vitamine immer mit Öl oder einer fettreichen Mahlzeit einnehmen?
Die Einnahme zu einer fetthaltigen Mahlzeit ist sinnvoll, eine bestimmte Fettmenge lässt sich aber nicht begründen. In der größten randomisierten Studie lag der Vitamin-D3-Spitzenwert mit Fett um 32 % höher als ohne. Eine zweite Studie derselben Gruppe fand allerdings die höchste Absorption bei einer fettarmen Mahlzeit und keinen Unterschied im 25(OH)D-Wert nach 30 und 90 Tagen. Der Unterschied ist theoretisch plausibel, in der langfristigen Statuswirkung jedoch nicht eindeutig nachgewiesen.
Werden überschüssige wasserlösliche Vitamine wirklich einfach ausgeschieden?
Nur teilweise. Für Vitamin C trifft es weitgehend zu: Ab Einzeldosen von 500 mg sinkt die Bioverfügbarkeit, und der aufgenommene Anteil wird ausgeschieden. Für Vitamin B6 und Nicotinsäure gilt es nicht – hier bestehen mit 12 mg beziehungsweise 10 mg pro Tag Obergrenzen wegen peripherer Neuropathie und Flushing.
Warum enthalten B12-Präparate oft ein Vielfaches des Tagesbedarfs?
Weil der aufnahmefähige Weg über Intrinsic Factor bereits bei 1 bis 2 µg gesättigt ist. Oberhalb davon wird nur noch ein sehr kleiner Anteil passiv aufgenommen: rund 2 % bei 500 µg und 1,3 % bei 1.000 µg. Hohe Dosen kompensieren also eine niedrige Aufnahmequote, sie sind kein Hinweis auf einen hohen Bedarf. Der DGE-Schätzwert liegt bei 4,0 µg pro Tag.
Kann Vitamin A gefährlich werden, wenn ich viele Karotten esse?
Der UL von 3.000 µg Retinoläquivalenten pro Tag gilt für präformiertes Vitamin A, also Retinol und Retinylester. β-Carotin ist ein Provitamin, für das die EFSA 2024 mangels ausreichender Daten keine Obergrenze ableiten konnte; sie empfiehlt Rauchenden allerdings, β-Carotin-Supplemente zu meiden. Für Carotinoide aus Lebensmitteln ist kein entsprechender Grenzwert festgelegt.
Wie lange dauert es, bis sich ein Mangel zeigt?
Das hängt vom Vitamin ab, nicht von der Löslichkeit. Bei Vitamin K sinkt der Plasmaspiegel innerhalb von 13 Tagen auf 13 bis 18 % des Ausgangswerts, ohne dass Gerinnungstests auffällig werden; symptomatischer Mangel kann laut EFSA mehr als zwei bis drei Wochen brauchen. Beim Serumfolat zeigt sich der Abfall in ein bis drei Wochen. Bei Vitamin B12 reichen die Speicher rechnerisch drei bis sechs Jahre, klinisch traten Symptome nach vollständiger Magenentfernung nach zwei bis fünf Jahren auf.
Quellen
- EFSA. Overview on Tolerable Upper Intake Levels as derived by the SCF and the EFSA NDA Panel. Version 11, August 2025. efsa.europa.eu
- EFSA. Dietary Reference Values for nutrients: Summary Report. 2017. efsa.europa.eu
- EFSA NDA Panel. Scientific Opinion on Dietary Reference Values for vitamin E as α-tocopherol. EFSA Journal 2015;13(7):4149. DOI 10.2903/j.efsa.2015.4149
- EFSA NDA Panel. Scientific opinion on the tolerable upper intake level for vitamin B6. EFSA Journal 2023;21(5):e08006. DOI 10.2903/j.efsa.2023.8006
- EFSA NDA Panel. Scientific opinion on the tolerable upper intake level for vitamin D. EFSA Journal 2023;21(8):e08145. DOI 10.2903/j.efsa.2023.8145
- EFSA NDA Panel. Scientific opinion on the tolerable upper intake level for folate. EFSA Journal 2023;21(11):e08353. DOI 10.2903/j.efsa.2023.8353
- EFSA NDA Panel. Scientific opinion on the tolerable upper intake level for preformed vitamin A and β-carotene. EFSA Journal 2024;22(6):e8814. DOI 10.2903/j.efsa.2024.8814
- EFSA NDA Panel. Scientific opinion on the tolerable upper intake level for vitamin E. EFSA Journal 2024;22(8):e8953. DOI 10.2903/j.efsa.2024.8953
- NIH Office of Dietary Supplements. Fact Sheets for Health Professionals: Vitamin A and Carotenoids, Vitamin D, Vitamin E, Vitamin K, Vitamin C, Vitamin B12, Folate. ods.od.nih.gov
- Institute of Medicine. Dietary Reference Intakes for Thiamin, Riboflavin, Niacin, Vitamin B6, Folate, Vitamin B12, Pantothenic Acid, Biotin, and Choline. Washington DC: National Academies Press, 1998 (Kap. 5, 8 und 9).
- Institute of Medicine. Dietary Reference Intakes for Vitamin C, Vitamin E, Selenium, and Carotenoids. 2000 (Kap. 6).
- Institute of Medicine. Dietary Reference Intakes for Vitamin A, Vitamin K, Arsenic, Boron … Zinc. 2001 (Kap. 4).
- BfR. Aktualisierte Höchstmengenvorschläge für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln. Stellungnahme 006/2024. DOI 10.17590/20240222-140829-0
- BfR. Höchstmengenvorschläge für Niacin in Lebensmitteln inklusive Nahrungsergänzungsmitteln. bfr.bund.de
- BfR. Höchstmengenvorschläge für Vitamin B6 in Lebensmitteln inklusive Nahrungsergänzungsmitteln. bfr.bund.de
- DGE. Referenzwerte Vitamin K und Vitamin B12 (Cobalamine). dge.de
- Levine M, Conry-Cantilena C, Wang Y, et al. Vitamin C pharmacokinetics in healthy volunteers: evidence for a recommended dietary allowance. PNAS 1996;93(8):3704–9. DOI 10.1073/pnas.93.8.3704
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