Kurz gesagt
- Rechtlich sind beide Formen gleichgestellt: § 1 Abs. 1 Nr. 3 NemV nennt Kapseln und Tabletten ebenso ausdrücklich wie Flüssigampullen und Flaschen mit Tropfeinsätzen.
- Dass flüssige Produkte als Formklasse besser aufgenommen werden, ist nicht belegt. Die beiden randomisierten Vitamin-D-Vergleiche zeigen in entgegengesetzte Richtungen, bei Vitamin B12 war kein Unterschied nachweisbar.
- Wo Aufnahmeunterschiede belegt sind, stammen sie aus Träger und Solubilisierung – Öl statt Pulver, mizellar, liposomal, kristallfrei. Diese Techniken sind nicht an den flüssigen Zustand gebunden.
- Die belastbaren Unterschiede liegen anderswo: getrennte Zusatzstofflisten, chemische Stabilität, Dosierhilfsmittel, Masse je Einheit, Schluckakt und Handgepäckgrenze.
- Keine Darreichungsform ist pauschal überlegen. Was passt, hängt vom Nährstoff, von der Dosis und von der Person ab.
Was unterscheidet beide Formen rechtlich?
Grundsätzlich nichts. Maßgeblich ist nicht der Aggregatzustand, sondern die Aufnahme in abgemessenen kleinen Mengen. Ein ausdrücklicher Unterschied besteht nur im Zusatzstoffrecht.
§ 1 Abs. 1 Nr. 3 NemV verlangt, dass das Erzeugnis „in dosierter Form“ in den Verkehr gebracht wird, und nennt Kapseln, Pastillen, Tabletten und Pillen ebenso wie Pulverbeutel, Flüssigampullen und Flaschen mit Tropfeinsätzen. Durch das Wort „insbesondere“ ist die Aufzählung nicht abschließend; Artikel 2 der Richtlinie 2002/46/EG folgt derselben Systematik.
Anhang II der Verordnung (EG) Nr. 1333/2008 führt dagegen in der Lebensmittelkategorie 17 getrennte Unterkategorien: 17.1 für feste, 17.2 für flüssige Nahrungsergänzungsmittel; die frühere Unterkategorie 17.3 für Sirup- und Kauformen wurde durch die Verordnung (EU) 2018/1497 gestrichen. Für beide Gruppen gelten unterschiedliche Positivlisten und Höchstmengen für Zusatzstoffe – der zentrale belegte Unterschied, und er betrifft die Hilfsstoffe, nicht die Aufnahme. Die Kennzeichnung nach § 4 NemV ist formunabhängig; die deklarierte Nährstoffmenge ist dort ein Durchschnittswert auf Basis der Herstelleranalyse, ohne festgelegte Toleranz.
Die belegbaren Unterschiede zwischen flüssigen und festen Formen liegen überwiegend nicht bei der Aufnahme
Muss sich eine Kapsel erst auflösen – und gelingt das zuverlässig?
Feste Formen müssen zerfallen und sich auflösen, bevor ein Nährstoff resorbiert werden kann; eine echte Lösung überspringt diesen Schritt. Geregelt ist der Zerfall für Nahrungsergänzungsmittel jedoch nicht, und die einzige behördlich getragene Erhebung fiel anders aus, als Marketingaussagen nahelegen.
Das Europäische Arzneibuch beschreibt in Kapitel 2.9.1 ein standardisiertes Verfahren: sechs Einheiten im Körbchen, Prüfflüssigkeit auf 37 ± 2 °C, 29 bis 32 Hubzyklen pro Minute. Zerfall bedeutet dabei ausdrücklich nicht Auflösung; bestehen müssen alle sechs Einheiten.
| Feste Darreichungsform | Prüfmedium | Zerfallszeit |
|---|---|---|
| Unbeschichtete Tablette | Wasser R, mit Scheibe | 15 min |
| Filmtablette | Wasser R, mit Scheibe | 30 min |
| Sonstige überzogene Tablette | Wasser R, mit Scheibe | 60 min |
| Hartkapsel | Wasser R, ggf. 0,1 M HCl | 30 min |
| Weichkapsel | Wasser R, mit Scheibe | 30 min |
| Dispergierbare oder lösliche Tablette | Wasser R, 15–25 °C | 3 min |
| Magensaftresistente Tablette | 2 h 0,1 M HCl, dann Phosphatpuffer pH 6,8 | 60 min nach Pufferwechsel |
Quelle: Ph. Eur., allgemeine Monographien „Tablets“ (0478) und „Capsules“ (0016), geprüfte Fassung Ph. Eur. 6.0; Prüfverfahren Ph. Eur. 2.9.1 (Ausgabe 11.0). Alle Grenzwerte gelten mit dem Vorbehalt „unless otherwise justified and authorised“.
Diese Grenzwerte binden nur Arzneimittel: § 55 Abs. 8 AMG richtet den Anwendungsbefehl des Arzneibuchs ausdrücklich an deren Herstellung. Die Nahrungsergänzungsmittelverordnung enthält keine Vorgabe zu Zerfall, Freisetzung oder Bioverfügbarkeit – die Begriffe kommen im Verordnungstext nicht vor. Hersteller können die Verfahren freiwillig anwenden; am Produkt ist das nicht erkennbar. Wie solche Prüfungen ablaufen, beschreibt der Beitrag Wie werden Nahrungsergänzungsmittel im Labor untersucht?.
Zur Häufigkeit von Zerfallsversagen liegt eine Analyse des USDA Nutrient Data Laboratory mit dem NIH Office of Dietary Supplements an Multivitaminprodukten des US-Marktes vor. Von 94 Analysen bestanden 87, also 92,6 %. Alle 17 Kapselprodukte bestanden, 70 von 77 Tablettenprodukten ebenfalls; die Ergebnisse waren binär, bestandene Proben zerfielen sechsmal von sechs, durchgefallene null von sechs. Die Aussage, Kapseln gingen „zu großen Teilen ungenutzt durch“, findet darin keine Stütze. Einschränkungen: Posterpublikation ohne Volltextbegutachtung, US-Markt, kleine Stichprobe.
Werden flüssige Produkte tatsächlich besser aufgenommen?
Hierfür gibt es bislang keine belastbaren Belege. Die wenigen Vergleichsstudien sind klein, methodisch uneinheitlich und widersprüchlich. Wo Unterschiede belegt sind, gehen sie auf Träger und Solubilisierung zurück, nicht auf den Aggregatzustand.
Geschwindigkeit ist nicht Ausmaß
Die Bioäquivalenz-Leitlinie der EMA trennt beides: Die Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve (AUC) bildet das Ausmaß der Exposition ab, während die maximale Konzentration (Cmax) und deren Zeitpunkt (tmax) von der Resorptionsgeschwindigkeit beeinflusst werden. Eine wässrige Lösung gilt regulatorisch als Referenzzustand der Freisetzung – mit dem Vorbehalt, dass Hilfsstoffe Passage, Resorption und Stabilität beeinflussen können. Das betrifft nur den Freisetzungsschritt: Wird die Resorption durch Transporterkapazität, Gallefluss, Fettbedarf, Intrinsic-Faktor oder Ionenkonkurrenz begrenzt, ist die Freisetzung nicht der bestimmende Schritt; diese Kette ordnet der Beitrag Was bedeutet Bioverfügbarkeit bei Vitaminen und Mineralstoffen? ein. Daten zur Anflutungsgeschwindigkeit von Nährstoffen fehlen; eine Crossover-Studie mit dem Arzneistoff Magnesiumvalproat ergab für die Lösung ein mittleres tmax von 0,542 Stunden und dient nur als Prinzipbeleg.
Eine schnellere Anflutung bedeutet nicht, dass insgesamt mehr aufgenommen wird
- Wässrige Lösung
- Kapsel oder Tablette
Vitamin D: zwei randomisierte Studien, zwei Richtungen
Vitamin D ist der einzige Nährstoff mit randomisierten Vergleichen zwischen Darreichungsformen – und sie widersprechen einander.
| Studie | Design | Ergebnis |
|---|---|---|
| Traub et al. 2014 | 66 Erwachsene, 12 Wochen, deklariert 10.000 IE/Tag als Kautablette, ölemulgierter Tropfen oder Kapsel | Anstieg je tatsächlich zugeführtem Mikrogramm: Tropfen > Kautablette (P < 0,05); Tropfen nicht besser als Kapsel. Suffizienz (≥ 30 ng/ml) erreichten Kautablette und Kapsel zu je 100 %, der Tropfen zu 80 % (P = 0,03) |
| Clin Nutr 2021 | 62 Frauen, Einmalgabe 100.000 IE, Messung nach 4 Wochen | Signifikanter Gruppenunterschied. Pille und Hautölapplikation zeigten die größten Anstiege; die orale Flüssigkeit gehörte nicht dazu |
| Grossmann & Tangpricha 2010 | Systematischer Review; nur vier klinische Studien mit direktem Trägervergleich identifiziert | Öl als Träger erzeugte eine größere 25(OH)D-Antwort als Pulver oder Ethanol. Die Autoren betonen die dünne Datenlage |
| Nutrients 2024 | 35 Teilnehmer, 60 Tage, mizellares gegen Standard-D3, beide Arme als Weichkapseln | Bei 1.000 IE inkrementelle AUC 992 ± 260 gegenüber 177 ± 140 nmol·d/l (p < 0,05). Bei 2.500 IE kein signifikanter Unterschied |
Quellen: DOI 10.1210/jc.2013-3162; DOI 10.1016/j.clnu.2020.05.040; DOI 10.1002/mnfr.200900578; DOI 10.3390/nu16111573. Alle vier Studien sind klein, die Nutrients-Arbeit ist als Pilotstudie deklariert.
Die Traub-Studie wird häufig verkürzt zitiert: Der Tropfen war pro zugeführtem Mikrogramm effizienter, erreichte aber beim klinisch näherliegenden Endpunkt das schlechteste Ergebnis. Ihr stärkster Einzelbefund war zudem kein Formeffekt – bei zwei der drei Produkte wich der gemessene Gehalt so erheblich von der Deklaration ab, dass die Auswertung normiert werden musste. Die Nutrients-Studie von 2024 wird gelegentlich als Beleg für flüssige Formen angeführt; tatsächlich waren beide Arme Weichkapseln, der Unterschied stammte aus der Mizellierung und verschwand bei der höheren Dosis. Dass Vitamin D auf einen Öl- oder Emulgatorträger angewiesen ist, ordnet der Beitrag Fettlösliche und wasserlösliche Vitamine ein.
Vitamin B12, Coenzym Q10 und Multivitamine
Bei Vitamin B12 verglich eine randomisierte Studie an 30 Personen 500 µg sublingual gegen 500 µg oral. Nach vier Wochen stiegen die Werte von 94 ± 30 auf 288 ± 74 pmol/l beziehungsweise von 108 ± 17 auf 286 ± 87 pmol/l, ohne signifikanten Gruppenunterschied. Der behauptete Vorteil einer Aufnahme „schon im Mund“ war nicht nachweisbar. Verglichen wurden allerdings zwei feste Formen; eine Studie zu flüssigem B12 gegen eine Tablette gleicher Dosis ist nicht auffindbar.
Bei Coenzym Q10 ist die relevante Variable die Solubilisierung. Eine doppelblinde Crossover-Studie an 18 Personen ergab für eine liposomale gegenüber unformulierter Zubereitung ein um 31,3 % höheres Cmax und eine um 22,6 % höhere AUC über 24 Stunden (p < 0,001), bei produktbezogenem Design. Ein Vergleich von neun Formulierungen zeigte eine größere Resorption für kristallfreie, lipidbasierte Weichkapseln gegenüber kristallinem Pulver in Hartkapseln. Für Multivitamine fehlt jeder kontrollierte Vergleich flüssiger und fester Produkte gleicher Zusammensetzung, ebenso eine systematische Übersichtsarbeit. Für kursierende Zahlen wie „98 % gegenüber 20 % Aufnahme“ ist keine Primärquelle auffindbar.
Wie stabil und haltbar sind flüssige Zubereitungen?
Eine Lösung vereint mehrere Faktoren, die den Abbau begünstigen, während eine Kapsel Bestandteile trennt und trocken hält. Der Mechanismus ist belegt, produktkonkrete Haltbarkeitszahlen sind es nicht.
Die FAO beschreibt vier Einflussgrößen. Wasser mobilisiert Metallionen und ermöglicht Reaktionen; für die Eisenanreicherung wird berichtet, dass die betreffende Verderbsreaktion bei Wasseraktivitäten unter etwa 0,4 nicht auftrat. Sauerstoff und Licht bauen Vitamin A ab, Vitamin C ist leicht oxidierbar und wird durch Spurenmetalle beschleunigt zerstört. Der pH-Wert wirkt gegenläufig: Thiamin ist bei höheren Werten instabil, Folsäure bei Verschiebung in beide Richtungen – in einer Lösung gilt ein einziger pH-Wert für alle Bestandteile zugleich, in einem Pressling nicht. Dass in gelösten Systemen Reaktionsprodukte entstehen, zeigt eine Untersuchung an Energy-Getränken: Wasserstoffperoxid lag bei 36,5 ± 4,0 µM (4 °C) und 64,2 ± 7,6 µM (20 °C) und blieb nach dem Öffnen des Gefäßes stabil oder stieg an. Dieser Sauerstoffeintrag wiederholt sich bei Mehrdosisbehältnissen mit jeder Entnahme; eine Trinkampulle ist insofern näher an der Kapsel als an der Tropfflasche.
Daraus folgt ein Überschuss bei der Produktion, damit der deklarierte Durchschnittswert über die Haltbarkeit eingehalten wird. Größenordnungen sind nur für angereicherte Lebensmittel belegt – die FAO nennt für Margarine 10 % bei Vitamin A und D sowie 5 bis 15 % bei Vitamin E. Eine Übertragung auf Nahrungsergänzungsmittel wäre unbelegt; vergleichende Haltbarkeitsdaten liegen nicht vor.
Welche Form lässt sich genauer dosieren?
Das hängt weniger von der Form als vom Hilfsmittel ab. Flüssige Formen sind stufenlos teilbar, Kapseln praktisch nicht; dafür ist eine Kapsel exakt einzeldosiert, während beim Abmessen Fehler entstehen.
In einem randomisierten Experiment an 2.110 Eltern, die je neun Dosen mit drei Instrumenten abmaßen, machten 84,4 % mindestens einen Dosierfehler von über 20 %, 21,0 % mindestens einen groben Fehler von mehr als der doppelten Dosis. Entscheidend war das Instrument: Für den Messbecher gegenüber der Dosierspritze berichtet die Studie eine adjustierte Odds Ratio von 4,6 für mindestens einen Dosierfehler (95-%-Konfidenzintervall 4,2–5,1). Eine Erhebung an 202 registrierten flüssigen Arzneimitteln berichtet zudem, dass rund einem Viertel kein Messgerät beigepackt war; die Zahlenangaben dieser Quelle sind allerdings in sich widersprüchlich (202 Produkte, davon 126 mit Messgerät), der Anteil ist daher nicht belastbar. Der belegte Punkt lautet also nicht „flüssig ist ungenau“, sondern „der Messbecher ist ungenau“; ein Einzeldosisbehältnis hat dieses Problem nicht. Einschränkend: Beide Studien betreffen Arzneimittel für Kinder, die Übertragung ist eine Analogie.
Wo liegen die Mengengrenzen je Einheit?
Kapseln haben eine harte physikalische Obergrenze, flüssige Portionen eine weichere. Bei hoher Massendosis und niedrigem Elementanteil werden deshalb mehrere Einheiten pro Tag nötig.
| Kapselgröße | Volumen | Länge | Füllgewicht bei 0,6 g/ml | Füllgewicht bei 1,0 g/ml |
|---|---|---|---|---|
| 000 | 1,37 ml | 26,1 mm | 822 mg | 1.370 mg |
| 00 | 0,90 ml | 23,4 mm | 540 mg | 900 mg |
| 0 | 0,68 ml | 21,6 mm | 408 mg | 680 mg |
| 1 | 0,48 ml | 19,4 mm | 288 mg | 480 mg |
| 2 | 0,36 ml | 17,6 mm | 216 mg | 360 mg |
| 3 | 0,27 ml | 15,7 mm | 162 mg | 270 mg |
| 4 | 0,20 ml | 14,3 mm | 120 mg | 200 mg |
Quelle: Kapselgrößentabelle eines Kapsellieferanten (Capsuline), ausdrücklich eine Industriespezifikation und kein wissenschaftlicher Beleg. Die Füllgewichte sind rechnerische Werte aus Volumen mal angenommener Schüttdichte, keine Messwerte konkreter Rohstoffe.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung schlägt für Magnesium 250 mg je Tagesverzehrempfehlung vor und empfiehlt, diese Menge auf zwei oder mehr Portionen zu verteilen; für Vitamin C nennt es 250 mg, für Vitamin D 20 µg. Trimagnesiumdicitrat enthält stöchiometrisch rund 16,2 Massenprozent elementares Magnesium in wasserfreier Form – für 250 mg wären damit etwa 1,5 g Salz nötig, bei Hydratformen mehr. Das übersteigt bei üblichen Schüttdichten die Kapazität einer Kapsel der Größe 00 deutlich. Diese Angabe ist eine eigene stöchiometrische Rechnung, keine Literaturangabe. Zur Einordnung solcher Höchstmengen siehe EFSA, DGE, NRV und UL: Welche Nährstoffwerte bedeuten was?. Flüssige Portionen sind volumenseitig flexibler, stoßen dafür an Löslichkeits- und Geschmacksgrenzen – zwei reale, gegenläufige Beschränkungen.
Welche Hilfsstoffe braucht welche Form, und was bedeutet das für Geschmack und Einnahme?
Beide Formen brauchen Hilfsstoffe, aber aus unterschiedlichen technologischen Gründen. Dass eine Form grundsätzlich mit weniger auskommt, lässt sich weder aus dem Recht ableiten noch empirisch belegen.
Die Verordnung (EG) Nr. 1333/2008 arbeitet mit einer Positivliste; die Aufnahme setzt nach Artikel 6 eine hinreichende technische Notwendigkeit voraus und dass Verbraucher nicht irregeführt werden. Bei festen Formen ergibt sich der Bedarf aus Verpressung und Verkapselung: Trennmittel wie Magnesiumsalze der Speisefettsäuren (E 470b), Füllstoffe wie Cellulose oder Reisstärke, bei Tabletten zusätzlich Sprengmittel, Bindemittel und Überzüge; die Hülle besteht aus Gelatine oder pflanzlicher Hydroxypropylmethylcellulose. Bei flüssigen Produkten ergibt er sich aus Wasser, Geschmack und Sauerstoff: Konservierungsstoffe, Säuerungsmittel, Süßungsmittel und Aromen, dazu Emulgatoren, Verdickungs- und Antioxidationsmittel. Eine Kapsel schirmt ihren Inhalt sensorisch ab, eine Lösung nicht – daher der Aromabedarf. Marktdaten zur Häufigkeit einzelner Hilfsstoffe fehlen.
Der am besten belegte praktische Vorteil flüssiger Formen betrifft den Schluckakt – allerdings nicht in der Gruppe, die man erwartet. Eine Fragebogenerhebung in elf deutschen Hausarztpraxen mit 1.051 Patienten fand bei 37,4 % Schwierigkeiten beim Schlucken von Tabletten und Kapseln; bei 70,4 % dieser Patienten war das dem Hausarzt nicht bekannt. 58,8 % der Betroffenen hatten Arzneimittel bereits geteilt, gemörsert oder Kapseln geöffnet, 9,4 % waren deswegen nicht therapietreu. Jüngere Patienten berichteten dabei häufiger Schwierigkeiten als ältere; die Gleichsetzung mit einem Altersproblem ist durch diese Daten nicht gestützt, stark war dagegen der Zusammenhang mit manifester Dysphagie (adjustierte Odds Ratio 7,9). Auch die Annahme, Kinder benötigten flüssige Formen, trifft nicht durchgängig zu: In der pädiatrisch-onkologischen Literatur gilt das Vermeiden schlecht schmeckender Flüssigkeiten als Motiv, Kinder gezielt auf feste Formen zu trainieren. Präferenz- und Adhärenzdaten speziell für Nahrungsergänzungsmittel fehlen.
Was ist beim Transport und auf Reisen zu beachten?
Belegt ist eine Regel des Handgepäcks: An Flughäfen ohne zugelassene C3-Scanner sind Flüssigkeiten in der EU auf 100 ml je Behälter und insgesamt 1 Liter begrenzt, mitzuführen in einem durchsichtigen, wiederverschließbaren Beutel; seit Juli 2025 dürfen Flughäfen mit zugelassenen C3-Scannern größere Mengen zulassen. Kapseln und Tabletten unterliegen dem nicht. Eine 250-ml-Flasche ist damit nicht mitführbar; Einzelampullen zu 25 ml liegen unter der Grenze je Behälter, summieren sich aber auf das Kontingent. Weitere Punkte sind plausibel, aber nicht durch Primärquellen belegt: der mittransportierte Wasseranteil, das Bruchrisiko von Glasampullen sowie der Lichtschutz, der bei flüssigen Produkten Aufgabe des Packmittels ist.
Welche verbreiteten Aussagen halten der Prüfung stand?
| Aussage | Status |
|---|---|
| „Flüssig wird zu 98 % aufgenommen, Kapseln nur zu 10 bis 20 %“ | Unbelegt. Für diese Zahlen ist keine Primärquelle auffindbar |
| „Flüssige Formen werden generell besser resorbiert“ | Nicht belegt. Die beiden randomisierten Vitamin-D-Vergleiche zeigen gegenläufige Richtungen, bei B12 kein Unterschied, für Multivitamine kein Vergleich vorhanden |
| „Kapseln gehen zu großen Teilen ungenutzt durch“ | Nicht belegt. In der einzigen behördlich getragenen Zerfallserhebung bestanden alle 17 Kapselprodukte; Zerfallsversagen war binär, kein gradueller Verlust |
| „Bei flüssigen Produkten beginnt die Aufnahme schon im Mund“ | Für Nährstoffe nicht belegt. Bei sublingualem B12 war der Vorteil in der einzigen randomisierten Vergleichsstudie nicht nachweisbar |
| „Ältere brauchen flüssige Formen, weil sie Schluckbeschwerden haben“ | Der Altersteil ist durch die Daten nicht gestützt: Schluckbeschwerden traten bei jüngeren Patienten häufiger auf. Der starke Zusammenhang besteht mit manifester Dysphagie |
| „Liposomal oder mizellar bedeutet flüssig“ | Falsche Gleichsetzung. In der Nutrients-Studie 2024 waren beide Vergleichsarme Weichkapseln |
| „Flüssig ist genauer dosierbar“ | Differenziert. Stufenlos teilbar ja, aber 84,4 % der Anwender machten mindestens einen Dosierfehler; entscheidend war das Instrument, nicht die Form |
| „Eine Form kommt mit weniger Zusatzstoffen aus“ | Nicht belegt. Beide Formen benötigen Hilfsstoffe aus je eigenen technologischen Gründen; Marktdaten zu Häufigkeiten fehlen |
Belegstatus bezogen auf die im Quellenverzeichnis genannten Publikationen und Normtexte. Zum Vorgehen bei der Bewertung von Belegstärken siehe die Methodik-Seite.
Fazit
Keine Darreichungsform ist der anderen pauschal überlegen. Die Vorstellung, flüssige Nahrungsergänzungsmittel würden grundsätzlich besser aufgenommen, hält der Prüfung an der Evidenz nicht stand: Die Studienlage ist dünn, widersprüchlich und variiert meist mehrere Faktoren gleichzeitig, sodass der Aggregatzustand selten isoliert wird. Wo Unterschiede im Ausmaß belegt sind, stammen sie aus Träger und Solubilisierung – beides ist in Kapseln ebenso realisierbar wie in Flüssigkeiten.
Die belastbaren Unterschiede liegen anderswo. Flüssige Formen verlangen keinen Schluckakt, sind stufenlos teilbar und bei hohen Massendosen volumenseitig flexibler; sie sind dafür chemisch anfälliger, benötigen Geschmacksmaskierung, hängen an einem zuverlässigen Dosierhilfsmittel und unterliegen der Handgepäckgrenze. Feste Formen sind einzeldosiert, stabiler und transportfreundlicher, setzen aber zuverlässigen Zerfall und die Fähigkeit zum Schlucken voraus. Maßgeblich ist weniger die Form als der Nährstoff, die Menge, die Zusammensetzung des Produkts und die persönliche Situation.
Häufige Fragen
Wirkt ein flüssiges Vitamin-D-Präparat schneller als eine Kapsel?
Eine echte Lösung überspringt Zerfall und Auflösung, weshalb eine schnellere Anflutung plausibel ist. Für Nährstoffe fehlen jedoch Studien, die Geschwindigkeit und Ausmaß sauber trennen. Für Vitamin D ist der Zeitpunkt ohnehin kaum bedeutsam, weil der Statusmarker 25(OH)D über Wochen aufgebaut wird.
Sind Kapseln unzuverlässig, weil sie sich nicht auflösen könnten?
Dafür gibt es in der verfügbaren Erhebung keinen Anhalt: Alle 17 geprüften Kapselprodukte bestanden die Zerfallsprüfung, die Durchfallquote von 7,4 % betraf ausschließlich Tabletten. Die Prüfung ist für Nahrungsergänzungsmittel in der EU allerdings nicht vorgeschrieben, und die Erhebung betrifft den US-Markt.
Enthalten flüssige Produkte mehr Zusatzstoffe?
Das lässt sich nicht belegen. Flüssige Produkte benötigen typischerweise Konservierungs-, Süßungs- und Säuerungsmittel, feste Produkte Trennmittel, Füllstoffe und Überzüge. Welche Form am Markt im Mittel mehr enthält, ist nicht untersucht.
Warum reicht bei Magnesium oft eine Kapsel nicht aus?
Weil Magnesiumsalze überwiegend aus dem Säureanteil bestehen. Für 250 mg elementares Magnesium aus Trimagnesiumdicitrat wären rechnerisch rund 1,5 g Salz nötig – mehr, als eine Kapsel der Größe 00 fasst. Das BfR empfiehlt ohnehin die Verteilung auf zwei oder mehr Portionen pro Tag.
Quellen
- Bundesministerium der Justiz: Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel (NemV) vom 24.05.2004 (BGBl. I S. 1011), zuletzt geändert durch Art. 11 V v. 5.7.2017, §§ 1 und 4. gesetze-im-internet.de/nemv
- Europäisches Parlament und Rat: Richtlinie 2002/46/EG über Nahrungsergänzungsmittel, Art. 2, konsolidierte Fassung vom 26.07.2017. CELEX 02002L0046-20170726
- Europäisches Parlament und Rat: Verordnung (EG) Nr. 1333/2008 über Lebensmittelzusatzstoffe, Art. 1, 3 und 6 sowie Anhang II. CELEX 32008R1333
- Europäische Kommission: Verordnung (EU) 2018/1497 vom 08.10.2018 zur Änderung des Anhangs II der VO (EG) Nr. 1333/2008 hinsichtlich der Lebensmittelkategorie 17, Erwägungsgründe 4 bis 6. CELEX 32018R1497
- Bundesministerium der Justiz: Arzneimittelgesetz (AMG), § 55 Abs. 8. gesetze-im-internet.de/amg_1976/__55.html
- Europäisches Arzneibuch: Kapitel 2.9.1 „Disintegration of tablets and capsules“, Ausgabe 11.0 (01/2022:20901), sowie allgemeine Monographien „Tablets“ (0478) und „Capsules“ (0016), geprüfte Fassung Ph. Eur. 6.0
- EDQM: New policy for dissolution and disintegration testing in Ph. Eur. monographs, Beschluss der Europäischen Arzneibuch-Kommission, November 2020
- European Medicines Agency: Guideline on the investigation of bioequivalence, CPMP/EWP/QWP/1401/98 Rev. 1
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Höchstmengenempfehlungen des BfR für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln, Tabellenstände 2021 und 2023
- Middleton A, Andrews K, Holden J, Roseland J, Feinberg M, Zhao C, Dwyer J, Yetley E: Preliminary Disintegration Analysis of Commercially Available Multivitamin/Mineral Dietary Supplements in the Adult US Market. USDA-ARS Nutrient Data Laboratory und NIH Office of Dietary Supplements, AOAC-Poster (ohne Volltextbegutachtung)
- Traub ML, Finnell JS, Bhandiwad A, Oberg E, Suhaila L, Bradley R: Impact of Vitamin D3 Dietary Supplement Matrix on Clinical Response. J Clin Endocrinol Metab 2014;99(8). DOI: 10.1210/jc.2013-3162
- The efficacy of different vitamin D supplementation delivery methods on serum 25(OH)D: A randomised double-blind placebo trial. Clin Nutr 2021;40(2). DOI: 10.1016/j.clnu.2020.05.040
- Grossmann RE, Tangpricha V: Evaluation of vehicle substances on vitamin D bioavailability: a systematic review. Mol Nutr Food Res 2010;54(8). DOI: 10.1002/mnfr.200900578
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- Capsuline: Empty Capsule Size Chart (Industriespezifikation, kein wissenschaftlicher Beleg)
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.