Kurz gesagt
- Vitamine zerfallen in Lösung durch Hydrolyse, Oxidation, Lichtabsorption und Wärme. Der Abbau ist ein erwartbarer physikochemischer Vorgang und für sich genommen kein Qualitätsmangel.
- Entscheidend ist die Matrix, nicht das einzelne Vitamin: Vitamin D3 zeigte in wasserbasierten Fertigprodukten nach sechs Monaten bei 25 °C Befunde von keinem messbaren Verlust bis zu 98,5 % Verlust; für die ölbasierten Produkte geben die Autoren der Studie einen Abbau von unter 10 % an, diese Aussage gilt allerdings nur für Umgebungstemperatur.
- Ein einziges pH-Optimum für ein flüssiges Multivitaminprodukt gibt es nicht: Der Bereich, der Thiamin und Ascorbinsäure schützt, ist derselbe, in dem Folsäure und Vitamin D3 am schnellsten zerfallen.
- Overages, also Einwaagen oberhalb der Deklaration, sind technisch begründbar. Rechtlich gedeckt sind sie nur, solange der deklarierte Wert ein ehrlicher Durchschnittswert bleibt und die Toleranz zu jedem Zeitpunkt der Haltbarkeit eingehalten wird.
Warum verlieren flüssige Nahrungsergänzungsmittel überhaupt Vitamine?
Weil Wasser Reaktionen ermöglicht, die im trockenen Pulver kaum ablaufen: Die Moleküle sind frei beweglich, Sauerstoff liegt gelöst vor, Metallspuren sind katalytisch verfügbar, und Licht erreicht jedes Volumenelement. Der Gehalt sinkt deshalb über die Zeit – die Formulierung entscheidet nur, wie schnell.
Den Unterschied zeigt ein direkter Vergleich: In Ethanol, Methanol, Isopropanol und Propylenglykol war Vitamin D3 über fünf Tage weitgehend unverändert; in destilliertem Wasser lag der Gehalt schon nach dem ersten Tag bei 25 °C unter 10 %. Ein Gehaltsverlust belegt also zunächst nur, dass eine erwartbare Reaktion stattgefunden hat – siehe auch den Beitrag zu fettlöslichen und wasserlöslichen Vitaminen.
Welche chemischen Reaktionen bauen Vitamine in Lösung ab?
Vier Mechanismen sind belegt: Hydrolyse, Oxidation, Photolyse und thermischer Zerfall. Sie laufen nicht getrennt ab – Wärme beschleunigt die drei übrigen.
Hydrolyse und Oxidation
Für alle vier Vitamin-B12-Formen ist Hydrolyse neben Photolyse, Oxidation und Wärme als Hauptabbauweg beschrieben. Thiamin zerfällt über eine Spaltung des Moleküls, deren Reaktionsordnung selbst vom pH abhängt; bei Folsäure ist im Sauren ein Protonenangriff der Hauptmechanismus.
Sauerstoff allein reagiert mit Ascorbinsäure träge; schnell wird die Reaktion erst durch Metallspuren. Für Eisen(III) und Kupfer(II) verläuft sie ausdrücklich katalytisch, nicht redoxstöchiometrisch – das Metall wird regeneriert und wirkt über die gesamte Haltbarkeit weiter. Bei Vitamin B12 reduzieren Ascorbinsäure, Thiole oder reduzierende Zucker das zentrale Cobalt; bei niedrigem Sauerstoffgehalt und Anwesenheit von Wasserstoffperoxid kann der Corrinring irreversibel gespalten werden.
Photolyse und Photosensibilisierung
Riboflavin ist selbst lichtempfindlich – es zerfällt unter anderem zu Formylmethylflavin und Lumichrom – und schädigt als Photosensibilisator zusätzlich seine Nachbarn, über Elektronentransfer (Typ I) oder über Singulett-Sauerstoff (Typ II). Für Folat dominiert der Elektronentransfer mit einer Quantenausbeute von 0,32 in Wasser.
Welche äußeren Faktoren bestimmen die Abbaugeschwindigkeit?
Quantitativ belegt sind Licht, gelöster Sauerstoff, Temperatur, pH-Wert, freie Metallionen und weitere Inhaltsstoffe. Ihre Wirkung lässt sich als Beschleunigungsfaktor gegenüber einer Vergleichsbedingung ausdrücken; die Spannweite reicht von Faktor 2 bis Faktor 36.
Freie Kupferspuren beschleunigen den Ascorbinsäureabbau stärker als jede andere hier belegte Einzelgröße
Licht: Der kritische Bereich liegt nicht nur im UV
Riboflavin absorbiert in wässriger Lösung bei pH 7,0 bei 223, 267, 385 und 445 nm; für die Schädigung anderer Stoffe sind die beiden langwelligen Banden verantwortlich, also UVA-Grenzbereich und blaues Licht. Entsprechend war der Abbau von Pyridoxin unter sichtbarem Licht oberhalb 350 nm in Gegenwart von Riboflavin größer als unter UV – ein Material, das nur UV sperrt, schützt riboflavinhaltige Formulierungen also nur unvollständig.
Bei Vitamin B12 unterscheiden sich die Formen erheblich: Nach 60 Minuten UV wurden 4 % Cyanocobalamin, 28 % Hydroxocobalamin und 39 % Methylcobalamin abgebaut. Für die Cyanocobalamin-Photolyse wurde zwischen pH 1 und pH 8,5 ein Ratenunterschied um den Faktor 34 gemessen.
Sauerstoff: der am klarsten quantifizierte Hebel
Die riboflavinsensibilisierte Photodegradation von Pyridoxin lief aerob zehnfach schneller ab als unter Stickstoffbegasung (0,046 bis 7,551 gegenüber 0,009 bis 0,755 × 10⁻² min⁻¹). Das Kopfraumvolumen hatte dagegen in einem Modellsystem mit 0,5 bis 2,0 mL Luft in 2-mL-Vials keinen signifikanten Einfluss; die Aussage „großer Kopfraum bedeutet mehr Abbau“ ist damit nicht allgemein belegt.
Temperatur: „Verdopplung je 10 Grad“ ist ein grober Mittelwert
Der Q10-Wert gibt an, um welchen Faktor die Abbaurate je 10 Kelvin steigt. Die belegten Werte reichen von etwa 1,2 bis 4,7; die Faustregel Q10 ≈ 2 liegt in der Mitte, beschreibt aber keinen der Ränder.
| System | Aktivierungsenergie | Abgeleitetes Q10 |
|---|---|---|
| Vitamin C in Camu-Camu-Saft | 31,05 ± 4,82 kJ/mol | 1,50 |
| Vitamin D3 in destilliertem Wasser | 53,8 kJ/mol | 1,99 (empirisch) |
| Vitamin D3 in Leitungswasser | 67,7 kJ/mol | 2,27 (empirisch) |
| Thiamin, pH 6, wässrig | 75,3–87,9 kJ/mol | 1,22 (25→40 °C) bzw. 3,84 (40→60 °C) |
| Vitamin D3 in Milli-Q-Wasser | 89,2 kJ/mol | 2,32 (empirisch) |
| Vitamin C in Naranjilla-Saft | 117,8 ± 18,64 kJ/mol | 4,67 |
Aktivierungsenergien aus den jeweiligen Primärarbeiten; Q10 rechnerisch bei 25 °C bzw., wo angegeben, aus gemessenen Ratenkonstanten abgeleitet.
Zwei Befunde wiegen schwerer als die Einzelwerte: Die Aktivierungsenergie ist matrixabhängig, nicht vitaminabhängig – für Vitamin C ergaben zwei Saftmatrices 31,05 gegenüber 117,8 kJ/mol. Und das Arrhenius-Verhalten ist nicht durchgängig linear: Bei Thiamin betrug Q10 zwischen 25 und 40 °C nur 1,22, zwischen 40 und 60 °C dagegen 3,84.
pH-Wert: stärkster Einzelhebel und größter Zielkonflikt
Für Thiamin ist der pH dominierend: Bei pH 3 war bei 25 und 40 °C kein messbarer Abbau feststellbar, während bei pH 6 und 25 °C die Zeit bis zu 10 % Abbau je nach Salzform zwischen 95 ± 3 und 160 ± 10 Tagen lag – bei 20 mg/mL nur 18 ± 1 Tage. Bei Ascorbinsäure (pKa 4,1) reagiert die deprotonierte Form mit Kupfer(II) rund 36-fach schneller als die undissoziierte Säure (2,8 × 10⁶ gegenüber 7,7 × 10⁴ M⁻² s⁻¹).
Umgekehrt liegt der Fall bei Folsäure, die im Alkalischen stabiler ist, und bei Vitamin D3, das zwischen pH 4 und pH 5 einen steilen Stabilitätsabfall zeigt; für Vitamin B12 wird pH 4 bis 7 empfohlen. Der Bereich um pH 3, der Thiamin und Ascorbinsäure schützt, ist also derselbe, in dem Folsäure und Vitamin D3 am schnellsten zerfallen. Ein einziges pH-Optimum für ein flüssiges Multivitaminprodukt existiert nach dieser Datenlage nicht.
Metallionen und Wasseraktivität
Bei Vitamin D3 lief der metallionenvermittelte Abbau unabhängig von Ion und Konzentration sehr schnell ab: Eisen(II) führte schon bei 0,01 mM in unter zwei Stunden zum vollständigen Abbau. Dass weniger frei verfügbares Wasser stabilisiert, ist plausibel; Messreihen von Wasseraktivität gegen Abbaurate liegen jedoch nicht vor.
Wie beeinflussen sich die Inhaltsstoffe gegenseitig?
In einem Kombinationspräparat ist jedes Vitamin zugleich Reaktionspartner der anderen. Bedeutsam sind vor allem riboflavinsensibilisierte Photooxidationen, die Reduktion von Cobalaminen durch Ascorbinsäure und die Schädigung von Vitamin B12 durch Thiaminabbauprodukte.
| Kombination | Belegter Effekt |
|---|---|
| Riboflavin + Folat | Photooxidation über Elektronentransfer, Quantenausbeute 0,32; Restgehalt der Folsäure nach 13 Tagen bei 50 °C nur 45,5 % – der niedrigste Wert aller geprüften Vitaminzusätze |
| Riboflavin + Cyanocobalamin | mehr als doppelt so hohe Ratenkonstante der Photolyse bei pH 7 gegenüber riboflavinfreier Lösung |
| Riboflavin + Hydroxocobalamin | Photoabbau bei pH 7,4 bis zu dreifach schneller |
| Ascorbinsäure + Cyanocobalamin | bis zu 65 % Abbau des Cyanocobalamins nach 24 Stunden bei 25 °C im Dunkeln; Stabilität in der Reihenfolge Methylcobalamin < Hydroxocobalamin < Cyanocobalamin |
| Thiamin + Cyanocobalamin | stabil bei pH 3,5–4,5 und Raumtemperatur, instabil sobald Thiamin selbst zerfällt; verantwortlich ist das thiolhaltige Abbauprodukt Cystein |
| Nicotinamid + Cyanocobalamin | beschleunigte Photolyse, Reaktion zweiter Ordnung mit k₂ = 0,57 M⁻¹ min⁻¹ bei pH 1 und 0,075 M⁻¹ min⁻¹ bei pH 7 |
| Reduzierende Zucker + Cyanocobalamin | 40 % Verlust mit Dextrose und etwa 30 % mit Saccharose nach 112 Tagen bei 45 °C |
| Thiamin + Sulfit | nukleophile Substitution nach SNAE-Mechanismus; quantitative Angaben für flüssige Nahrungsergänzungsmittel liegen nicht vor |
Zusammenstellung aus Temova Rakuša et al. 2022 und 2024, Kida et al. 2018, Scurachio et al. 2011, RSC Advances 2024 sowie Howe und Grenade 2022.
Die Kombination aus Vitamin C und Vitamin B12 gilt seit 1949 als klassische Inkompatibilität, sollte aber nicht mehr als unlösbar dargestellt werden: Sorbitol senkte den UV-Photoabbau von Methylcobalamin über 60 Minuten von 39 % auf 1 % und verbesserte die Stabilität auch in Gegenwart von Ascorbinsäure. Umgekehrt blieb in wässriger Vitamin-D3-Lösung mit Kupfer(II) der prooxidative Effekt der Ascorbinsäure aus – ab 500 mg/L kompensierte sie ihn vollständig, bei 100 mg/L war kein Schutz nachweisbar.
Welche Vitamine sind in flüssiger Matrix besonders empfindlich?
Am empfindlichsten sind Vitamin C, Vitamin B12 und Vitamin D3 in wässriger Matrix, am unauffälligsten Nicotinamid und Pantothensäure. Die Einordnung gilt für flüssige Produkte und beschreibt eine Rangfolge, keine absoluten Verlustraten.
Die Empfindlichkeitsrangfolge folgt weniger der Vitamingruppe als der Zahl der belegten Angriffspunkte
- SEHR HOCHVitamin C, Vitamin B12, Vitamin D3 (wässrig)Mehrere parallele Abbauwege, ausgeprägte Wechselwirkungen, katalytische Metallempfindlichkeit
- HOCHFolat und Folsäure, Riboflavin unter LichtexpositionPhotolabil und pH-empfindlich; Riboflavin ist im Dunkeln dagegen gut stabil
- MITTELVitamin B6, Vitamin A, Vitamin EAbbau überwiegend über Licht bzw. Oxidation, stark vom Antioxidanssystem abhängig
- NIEDRIGNicotinamid, PantothensäureBeste Übereinstimmung mit der Deklaration in der Marktuntersuchung
| Vitamin | Belegter Hauptabbauweg | Kritische Faktoren | Belegte Größenordnung |
|---|---|---|---|
| Vitamin C | Oxidation, katalysiert durch Eisen(III) und Kupfer(II) | Metallspuren, gelöster O₂, pH, Temperatur | 14 % Verlust in 72 h bei 25 °C in wässriger Matrix; 20 % Verlust in Saft nach 19 bis 31 Tagen bei 35 °C |
| Vitamin B12 | Photolyse, Reduktion durch Ascorbinsäure und Thiole, Oxidation, Hydrolyse | Ascorbinsäure, Riboflavin, Nicotinamid, Licht, pH | bis 65 % Verlust in 24 h bei 25 °C im Dunkeln mit Ascorbinsäure |
| Vitamin D3 | metallionenkatalysierte Oxidation, säurekatalysierter Abbau, Photolyse | Eisen(II), Kupfer, pH unter 5, Wasser als Medium | wasserbasiert 39,8 % bzw. 2,3 % nach 6 Monaten bei 25 bzw. 40 °C; ölbasiert unter 10 % Abbau |
| Folat und Folsäure | Protonenangriff im Sauren, riboflavinsensibilisierte Photooxidation | pH unter 4, Riboflavin und Licht, Thiamin, Temperatur | 45,5 % Restgehalt nach 13 Tagen bei 50 °C mit Riboflavin bei pH 3,5 |
| Thiamin | pH-abhängige Spaltung, Sulfitspaltung, thermischer Zerfall | pH (dominant), Konzentration, Temperatur, Sulfit; nicht die Salzform | pH 3: kein messbarer Abbau bei 25 und 40 °C; pH 6 und 25 °C: 10 % Abbau nach 18 bis 160 Tagen |
| Riboflavin | Eigenphotolyse | Licht, insbesondere 385 und 445 nm | 99,0 bis 99,4 % nach 72 h; schädigt zusätzlich die Nachbarvitamine |
| Vitamin B6 | direkte Photolyse und riboflavinsensibilisierte Photooxidation | Licht, Riboflavin, Sauerstoff, pH | 93 bis 97,5 % Restgehalt nach 72 h |
| Vitamin A | nicht durch Primärquellen belegt | Antioxidanssystem der Formulierung | keine primärbelegten Langzeitwerte verfügbar; bei Kurzzeiterhitzung auf 116 °C ohne signifikante Änderung |
Quellen: Shen et al. 2021; Ribeiro et al. 2011; Fernandez-Rosillo et al. 2026; Temova Rakuša et al. 2021, 2022 und 2024; Kida et al. 2018; Voelker et al. 2021; RSC Advances 2024; Foods 2026, 15:1392; Redan et al. 2024.
Wie stark sinkt der Gehalt tatsächlich über die Haltbarkeit?
Das hängt fast vollständig von der Formulierung ab. Bei kommerziellen Vitamin-D3-Fertigprodukten reichte der Restgehalt nach sechs Monaten bei 25 °C in den wasserbasierten Produkten von 1,5 bis 101,9 % und in den ölbasierten von 89,1 bis 102,2 %; über alle geprüften Temperaturen lagen die ölbasierten Produkte zwischen 46,8 und 102,9 %.
Drei wasserbasierte Vitamin-D3-Produkte, drei völlig verschiedene Verläufe innerhalb desselben Toleranzbandes
- Produkt FS(9)
- Produkt FS(7)
- Produkt M(3)
| Produkt | Matrix | Restgehalt nach 6 Monaten bei 4 °C | bei 25 °C | bei 40 °C |
|---|---|---|---|---|
| M(2) | wasserbasiert | 101,5 % | 101,9 % | 102,3 % |
| M(3) | wasserbasiert | 96,7 % | 96,0 % | 80,5 % |
| FS(7) | wasserbasiert | 93,1 % | 79,4 % | 40,6 % |
| FS(9) | wasserbasiert | 76,6 % | 39,8 % | 2,3 % |
| FS(5) | wasserbasiert | 66,2 % | 1,5 % | 0,0 % |
| FS(6) | ölbasiert | 91,2 % | 89,1 % | 46,8 % |
| M(1), FS(4), FS(8) | ölbasiert | durchgehend 97,5 bis 102,9 % | ||
Temova Rakuša et al. 2021, Pharmaceutics 13:617; kommerzielle flüssige Vitamin-D3-Fertigprodukte in Bernsteinglasvials.
Kurzfristig sind die Verluste moderat: In einer parenteralen Nährlösung lagen die Restgehalte nach 72 Stunden bei 25 °C zwischen 85,9 % (Ascorbinsäure) und 99,0 % (Riboflavin), bei 4 °C zwischen 94,4 und 99,4 %. Lichtschutz veränderte den Ascorbinsäureverlust nicht in die erwartete Richtung – mit Lichtschutz 85,9 %, ohne 87,8 %; als bestimmenden Parameter identifizierten die Autoren die Lagertemperatur.
Wie lässt sich ein flüssiges Produkt stabilisieren?
Die wirksamsten Hebel sind die Wahl der Matrix, der eingestellte pH-Wert, die Bindung freier Metallionen und der Ausschluss von Sauerstoff. Antioxidantien wirken zusätzlich, aber weniger vorhersagbar als oft angenommen.
Chelatbildner, Antioxidantien und Schutzgas
EDTA war unter EDTA, Ascorbinsäure und Citronensäure der wirksamste Stabilisator für Vitamin D3 in wässriger Lösung; ein Synergismus der geprüften Antioxidantien wurde ausdrücklich nicht beobachtet. Wie wenig die im Reagenzglas gemessene Antioxidanskapazität über die Schutzwirkung aussagt, zeigt ein Proteingetränk: Vitamin C hatte dort die höchste DPPH-Radikalfängeraktivität (IC₅₀ = 3,44 µg/mL), schützte die Vitamine aber schlechter als EGCG und Teepolyphenole. Stickstoffbegasung senkte die Photodegradation von Pyridoxin auf ein Zehntel.
Wahl der Vitaminverbindung
Hier ist ein verbreitetes Missverständnis auszuräumen: Bei Thiamin hängt die Abbaukinetik in Lösung stark von pH, Konzentration und Temperatur ab, nicht aber vom Gegenion – Nitrat und Chlorid verhielten sich gleich; ältere Unterschiede beruhten auf abweichenden pH-Werten der ungepufferten Lösungen. Für Vitamin B12 ist die Datenlage uneinheitlich: Die hier herangezogene Übersicht ordnet die Stabilität in Lösung als Cyanocobalamin vor Hydroxocobalamin vor Methylcobalamin ein, benennt zugleich aber ausdrücklich Widersprüche zur vergleichenden Photostabilität und referiert eine Gegenstudie, in der Hydroxocobalamin am stabilsten war. Ob die stabilere Form auch die anwendungsseitig bessere ist, berührt Fragen der Bioverfügbarkeit.
Welche Rolle spielt die Verpackung?
Die Sauerstoff- und Feuchtebarriere ist der am klarsten belegte Verpackungsfaktor, deutlicher noch als der Lichtschutz. Der stärkste Beleg stammt aus angereichertem Weizenmehl: In sauerstoff- und feuchtedichten PET-Aluminium-Mehrschichtbeuteln trat nach sechs Monaten bei 25 und 40 °C kein signifikanter Cyanocobalaminverlust auf, während in Papiertüten 49 bis 63 % verloren gingen.
Beim Lichtschutz ist zu beachten, dass die photosensibilisierenden Riboflavinbanden bei etwa 385 und 445 nm liegen; ein Material, das nur UV sperrt, greift zu kurz. Nicht belegt sind dagegen Zahlenvergleiche zwischen Braun- und Klarglas, Sauerstoffdurchlässigkeitswerte von PET gegenüber Glas sowie Unterschiede zwischen Dosierpumpe und Schraubverschluss.
Was bedeutet das für Lagerung und Haltbarkeit nach Anbruch?
Kühlung ist der wirksamste Hebel, den Anwenderinnen und Anwender selbst in der Hand haben: Bei einem Q10 von 2,0 bis 2,3 sinkt die Abbaurate von 25 auf 5 °C um etwa den Faktor 4 bis 5. Für die untersuchten Fertigprodukte wurde daraus eine rechnerische Haltbarkeit nach Anbruch abgeleitet, mit einem Grenzwert von 80 % des deklarierten Gehalts.
| Produkt | Haltbarkeit nach Anbruch bei Raumtemperatur | bei Kühlschranklagerung |
|---|---|---|
| FS(5) | etwa 11 Tage | über 3 Monate |
| FS(9) | etwa 44 Tage | etwa 5 Monate |
| FS(7) | etwa 5 Monate | über 22 Monate |
| Produkte 1, 2, 3, 4, 6 und 8 | mindestens 6 Monate bestätigt | — |
Temova Rakuša et al. 2021, Pharmaceutics 13:617; Grenzwert 80 % des deklarierten Gehalts für Nahrungsergänzungsmittel.
Bei den instabilsten wässrigen Formulierungen liegt die reale Haltbarkeit nach Anbruch bei Raumtemperatur damit im Bereich von Wochen; Kühlung verlängert sie um den Faktor 3 bis 8. Der Befund stammt von einer begrenzten Produktauswahl eines einzigen Vitamins – übertragbar ist daraus keine Zahl, wohl aber die Empfehlung, wässrige Produkte kühl und dunkel zu lagern.
Was sind Overages – und wie sind sie rechtlich einzuordnen?
Ein Overage ist die Einwaage einer höheren Vitaminmenge, als auf dem Etikett angegeben ist, um Verluste bei Herstellung und Lagerung auszugleichen. Soll ein Produkt über die gesamte Haltbarkeit den deklarierten Wert einhalten und sinkt der Gehalt in dieser Zeit, muss der Ausgangsgehalt darüber liegen. Zwischen dieser Notwendigkeit und dem Ausreizen von Kontrolltoleranzen liegt jedoch ein deutlicher Unterschied.
Warum Hersteller höhere Ausgangsmengen einsetzen
Die in der Praxis genannten Größenordnungen stammen überwiegend aus der Industrie: Ein in einem Behördenpapier zitiertes Herstellerdokument nennt für pasteurisierte und ultrahocherhitzte Milch 20 bis 30 % für die Vitamine A und D, 15 bis 50 % für B-Vitamine und für Mineralstoffe etwa 5 %. Aus der wissenschaftlichen Literatur wird demgegenüber ein Overage von 25 % für die Vitamine B6, D, E, Folsäure und Retinol als sicher eingestuft.
Die Marktuntersuchung an 50 angereicherten Getränken fand Overages für alle Vitamine, am häufigsten und höchsten bei Thiamin, Riboflavin, Vitamin C und Vitamin E – also bei den instabilen Vitaminen mit vielen Wechselwirkungen. Standardisiert waren sie nicht: Die Mittelwerte lagen für diese vier zwischen 141,4 und 166,2 % der Deklaration, in Einzelfällen wurden 474,0 % für Cyanocobalamin und 907,3 % für Biotin gemessen. Zuschläge, die den erwartbaren Abbau erheblich überschreiten, halten die Autoren für nicht gerechtfertigt.
Der rechtliche Rahmen
Es gibt in der EU keine Norm, die eine Überdosierung als solche erlaubt oder begrenzt; die Grenzen ergeben sich indirekt. Erstens bestimmt Artikel 9 Absatz 1 der Richtlinie 2002/46/EG, dass die angegebenen Werte Durchschnittswerte sind, die auf der Analyse des Erzeugnisses durch den Hersteller beruhen. Zweitens nennt der Toleranzleitfaden der Europäischen Kommission von Dezember 2012 zulässige Abweichungen. Er hat ausdrücklich keinen formalen Rechtsstatus – die Auslegung des Rechts liegt beim Gerichtshof der Europäischen Union –, ist aber die maßgebliche Referenz der Überwachungsbehörden.
| Kategorie | Vitamine | Mineralstoffe |
|---|---|---|
| Nahrungsergänzungsmittel | +50 % / −20 % | +45 % / −20 % |
| Sonstige Lebensmittel | +50 % / −35 % | +45 % / −35 % |
Europäische Kommission, Toleranzleitfaden Dezember 2012, Tabellen 1 und 2. Die Werte schließen die Messunsicherheit ein; für Vitamin C in Flüssigkeiten können höhere obere Toleranzwerte akzeptiert werden.
Drei Bestimmungen des Leitfadens sind entscheidend: Der gemessene Wert soll während der gesamten Haltbarkeitsdauer innerhalb der Toleranzen liegen, nicht nur am Ende. Die deklarierten Werte sollen den Durchschnitt über mehrere Chargen annähern und nicht an einem Rand des Toleranzbereichs angesetzt werden. Und die Lebensmittelunternehmer sollen nach Treu und Glauben auf hohe Genauigkeit hinwirken. Als Ursache für Abweichungen nennt der Leitfaden ausdrücklich auch die Nährstoffstabilität und die Lagerbedingungen.
Drittens begrenzen Höchstmengen den Toleranzbereich nach oben: Reicht er darüber hinaus, hat die Höchstmenge Vorrang. EU-weit harmonisierte Höchstmengen fehlen bislang; in Deutschland liegen Vorschläge des Bundesinstituts für Risikobewertung vor. Ergänzend verlangt Artikel 7 der Verordnung (EG) Nr. 1925/2006, den Gesamtgehalt nach dem Zusatz anzugeben, und verbietet Irreführung über den Nährwert – zur Bedeutung der Prozentangaben siehe den Beitrag zu den NRV-Referenzmengen.
Wo die Grenze zwischen Ausgleich und Toleranzausnutzung verläuft
Ein Overage, der den erwartbaren Verlust ausgleicht und dessen Ausgangsgehalt innerhalb der Toleranz und unterhalb der geltenden Höchstmenge bleibt, setzt die Pflicht um, den deklarierten Wert über die gesamte Haltbarkeit einzuhalten. Ein Anfangsgehalt von 200 % der Deklaration ist dagegen nicht durch die Toleranz von +50 % gedeckt – auch dann nicht, wenn er am Ende der Haltbarkeit rechnerisch auf 100 % abgesunken wäre, denn die Toleranz muss zu jedem Zeitpunkt eingehalten sein. Sie ist eine Kontrolltoleranz, keine Genehmigung, an ihrem oberen Rand zu formulieren.
Die Betrachtung ist symmetrisch: In der Marktuntersuchung lagen 48,4 % aller 244 Einzelbestimmungen außerhalb des dort herangezogenen Intervalls von 65 bis 150 % – nach unten (Cyanocobalamin im Mittel 54,9 % der Deklaration, Vitamin D 78,8 %) ebenso wie nach oben. Dieses Intervall ist aus den Werten für Lebensmittel (−35 % / +50 %) abgeleitet, nicht aus den strengeren für Nahrungsergänzungsmittel. Wie solche Gehalte bestimmt werden, beschreibt der Beitrag zur Laboranalyse von Nahrungsergänzungsmitteln.
Wie wird Stabilität geprüft?
Für Arzneimittel gibt die ICH-Leitlinie Q1A(R2) die Bedingungen vor: Langzeitprüfung bei 25 °C und 60 % relativer Feuchte oder bei 30 °C und 65 %, beschleunigte Prüfung bei 40 °C und 75 %; als signifikante Änderung gilt im Regelfall eine Gehaltsänderung von 5 %. Für Nahrungsergänzungsmittel gibt es keine entsprechende verbindliche EU-Vorgabe – der Toleranzleitfaden verlangt nur das Ergebnis, nicht ein bestimmtes Prüfdesign.
Die Übertragbarkeit beschleunigter Tests ist allerdings begrenzt: Das Arrhenius-Verhalten ist nicht durchgängig linear, das kinetische Modell wechselt je nach Stressfaktor – Vitamin D3 folgte einer Kinetik erster Ordnung außer unter Licht und Sauerstoff, wo ein Weibull-Modell nötig war –, und Rangfolgen können kippen: Camu-Camu-Saft war bei 35 und 45 °C das instabilere, in der Extrapolation auf 5 °C aber das stabilere Produkt. Nicht belegen ließen sich zudem Schwellenwerte der Wasseraktivität, der Abbaumechanismus von Vitamin A und der Thiaminverlust je Milligramm Schwefeldioxid; zum Umgang mit solchen Lücken siehe die Methodik-Seite.
Fazit
Vitamine sind in flüssiger Form weniger stabil als in fester, weil Wasser die entscheidenden Reaktionen erst ermöglicht. Wie schnell der Gehalt sinkt, bestimmt weniger das einzelne Vitamin als die Kombination aus Matrix, pH-Wert, Metallspuren, gelöstem Sauerstoff, Licht und Temperatur.
Ein Gehaltsverlust über die Haltbarkeit ist damit erwartbar. Bewertbar wird ein Produkt erst über zwei Fragen: Hält es den deklarierten Wert über die gesamte Haltbarkeit ein, und ist dieser Wert ein ehrlicher Durchschnitt? Overages sind das legitime Mittel, die erste Frage zu bejahen; problematisch werden sie, sobald der Ausgangsgehalt den erwartbaren Abbau deutlich übersteigt oder Höchstmengen berührt werden.
Häufige Fragen
Sind flüssige Nahrungsergänzungsmittel grundsätzlich schlechter als Kapseln?
Das lässt sich so nicht sagen. Belegt ist, dass der Abbau in Lösung schneller abläuft und feste Darreichungsformen als Stabilisierungsstrategie gelten. Ob ein bestimmtes flüssiges Produkt den deklarierten Gehalt einhält, hängt jedoch von der Formulierung ab: Ölbasierte Vitamin-D3-Produkte zeigten nach sechs Monaten bei Umgebungstemperatur unter 10 % Abbau.
Hilft es, ein flüssiges Präparat in den Kühlschrank zu stellen?
Bei wässrigen Produkten deutlich: Für die untersuchten Vitamin-D3-Fertigprodukte verlängerte Kühlung die rechnerische Haltbarkeit nach Anbruch um etwa den Faktor 3 bis 8, in einem Fall von rund 11 Tagen auf über drei Monate. Zu beachten ist die Herstellerangabe, da manche Formulierungen für Kühlung nicht vorgesehen sind.
Warum steht auf manchen Produkten mehr drauf, als drin ist – oder umgekehrt?
Beide Richtungen kommen vor: nach unten, weil instabile Vitamine wie Cyanocobalamin in wässriger Lösung schnell zerfallen – im Marktdurchschnitt lag dessen Gehalt bei 54,9 % der Deklaration; nach oben, weil Hersteller Overages einsetzen. Der zweite Fall ist nur gedeckt, wenn der deklarierte Wert ein ehrlicher Durchschnittswert bleibt.
Quellen
- Europäisches Parlament und Rat: Richtlinie 2002/46/EG über Nahrungsergänzungsmittel, Art. 8 und 9. 2002, CELEX 32002L0046.
- Europäisches Parlament und Rat: Verordnung (EG) Nr. 1925/2006 über den Zusatz von Vitaminen und Mineralstoffen, Art. 7. 2006, CELEX 32006R1925.
- Europäische Kommission: Guidance document on the setting of tolerances for nutrient values declared on a label. 2012, food.ec.europa.eu.
- ICH: Q1A(R2) Stability Testing of New Drug Substances and Products. database.ich.org.
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Aktualisierte Höchstmengenvorschläge für Vitamine und Mineralstoffe. bfr.bund.de (nur als Fundstelle).
- Voelker A. L., Taylor L. S., Mauer L. J.: Effect of pH and concentration on the chemical stability of thiamine in solution. BMC Chemistry 15:37, 2021. DOI 10.1186/s13065-021-00773-y.
- Temova Rakuša Ž. et al.: Comprehensive Stability Study of Vitamin D3 in Aqueous Solutions and Liquid Commercial Products. Pharmaceutics 13(5):617, 2021. DOI 10.3390/pharmaceutics13050617.
- Temova Rakuša Ž. et al.: Vitamin B12 in Foods, Food Supplements, and Medicines – A Review with a Focus on Its Stability. Molecules 28(1):240, 2022. DOI 10.3390/molecules28010240.
- Temova Rakuša Ž., Roškar R.: Content-Related Quality Control of Vitamins in Fortified Non-Alcoholic Beverages. Nutrients 16(22):3872, 2024. DOI 10.3390/nu16223872.
- Shen J. et al.: Ascorbate oxidation by iron, copper and reactive oxygen species. Scientific Reports 11:7417, 2021. DOI 10.1038/s41598-021-86477-8.
- Ribeiro D. O. et al.: Chemical stability study of vitamins in parenteral nutrition for neonatal use. Nutrition Journal 10:47, 2011. DOI 10.1186/1475-2891-10-47.
- Kida K. et al.: Small amounts of ethanol attenuate folic acid stability in acidic beverages. Food Science & Nutrition 6:214–219, 2018. DOI 10.1002/fsn3.549.
- Fernandez-Rosillo F. et al.: Kinetic Modeling of Vitamin C Degradation in Tropical Juices. Foods 15(10):1722, 2026. DOI 10.3390/foods15101722.
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